Sind Deutsche wirklich so „muslimfeindlich“, wie es jetzt behauptet wird?


            Sind Deutsche wirklich so „muslimfeindlich“, wie es jetzt behauptet wird?

Bevölkerung in Berlin: Jeder zweite Einwohner sei „muslimfeindlich“, behauptet eine Expertengruppe, die von der Bundesregierung eingesetzt wurde Foto: Ralf Lutter

Von Gunnar Schupelius

Eine Expertenkommission der Bundesregierung hat diese Behauptung aufgestellt. Doch die Definition, die dahinter steckt, ist unscharf, meint Gunnar Schupelius.

Zwei Nachrichten haben uns vergangene Woche aufgeschreckt. Sie liefen als Spitzenmeldungen durch alle Medien. Die Ostdeutschen seien „demokratiefeindlich“ hieß es, und die Hälfte aller Deutschen sei „muslimfeindlich“ eingestellt.

Diesen Nachrichten lagen zwei Untersuchungen zugrunde. Erstens befragte die Universität Leipzig repräsentativ 3500 Menschen in den östlichen Bundesländern (ehemalige DDR). Zwei Drittel gaben an, sie könnten keinen Einfluss auf die Regierung nehmen, deshalb sei es sinnlos, sich politisch zu engagieren.

Zweitens kam der „Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“ (UEM) zu dem Schluss, jeder zweite Deutsche sei „muslimfeindlich“ eingestellt. Dieser Expertenkreis wurde 2020 von der Bundesregierung ins Leben gerufen und besteht überwiegend aus Professoren. Sie legten ihre Erkenntnisse in einem Bericht mit dem Titel nieder: „Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz.“

Stimmt es wirklich, dass die Hälfte der Bevölkerung feindlich gegenüber den Muslimen eingestellt ist? Was heißt das genau?

Der „Unabhängige Expertenkreis“ definiert „Muslimfeindlichkeit“ als „Zuschreibung pauschaler, weitestgehend unveränderbarer, rückständiger und bedrohlicher Eigenschaften“. Durch solche Zuschreibungen entwickle sich  „Feindlichkeit“. Im Klartext heißt das: Wer Muslime als „rückständig“ oder „bedrohlich“ empfindet, der steht ihnen „feindlich“ gegenüber.

Diese Definition wirft Fragen auf: Wer den Islam für kulturell rückständig hält, zum Beispiel hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau, ist der deshalb schon feindlich oder nur kritisch eingestellt? Wer behauptet, der Islam sei „bedrohlich“, weil sich viele Terroristen auf den Koran berufen, ist der schon ein Feind der Religion oder hat er nur Angst?

Die Richtigkeit der Nachricht, dass jeder zweite Deutsche „muslimfeindlich“ sei, steht und fällt also mit der Definition. Und die ist unscharf.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Demokratiefrage in Ostdeutschland. Wer glaubt, dass die Demokratie nicht in der Lage sei, die großen Probleme zu lösen, ist der bereits demokratiefeindlich oder nur enttäuscht?

Jeder dritte Ostdeutsche findet eine Diktatur unter Umständen besser

Die Nachrichten wirkten niederschmetternd. „Was sind wir für schlechte Menschen!“, musste man denken. Wir verachten die Demokratie und die Muslime. Bei näherem Hinsehen aber ist das vielleicht gar nicht zutreffend.

Schauen wir auf Berlin. Hier registriert der Verein „Transaidency“ Vorfälle von „antimuslimischem Rassismus“. Diese Zahl sei rückläufig, meldete der Verein am Sonnabend. Danach wurden für das vergangene Jahr 125 Vorfälle dokumentiert. 2021 gab es noch 174 Meldungen, im Jahr davor 290.

Das ist eine gute Nachricht. Sie lässt Zweifel daran aufkommen, dass die „Muslimfeindlichkeit“ tatsächlich so groß ist, wie die Experten der Bundesregierung behaupten.

Hat Gunnar Schupelius recht? Rufen Sie an: 030/2591 73153, oder Mail: gunnar.schupelius@axelspringer.de

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Eine Quelle: www.bz-berlin.de

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